Nachgedacht

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein
und ihr sollt mein Volk sein. (Ezechiel 37,27)

Liebe Leserinnen und Leser,

fast immer, wenn ich nach draußen gehe, schaue ich zuerst in den Himmel. Ich kann gar nicht anders. Der Blick nach oben hilft mir, mich hier unten zu verorten. Oft ist es irgendwie auch ein Blick zu Gott - zumindest ein Gedanke daran, dass es noch viel mehr gibt, als meine kleine Welt und dass da jemand ist, der alles zusammenhält.
Manchmal wünschte ich mir, ich könnte Gott näher kommen - näher am "Himmel" sein - so wie die bunten Drachen auf dem Bild. Dann würde vielleicht einiges klarer erscheinen.
Der Monatsspruch, der uns für den Monat November mit auf den Weg gegeben ist, ändert die Perspektive:

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und ihr sollt mein Volk sein. (Ezechiel 37,27)

Der Prophet Ezechiel musste sein Heimatland verlassen. Jerusalem wurde von befeindeten Mächten erobert, viele Menschen wurden aus ihrer Heimat verschleppt und der Tempel zerstört. Nicht nur das Volk Israel, sondern auch Gott hatte seinen angestammten Wohnraum verloren.
Nun sitzt der Prophet in der Fremde und spricht seinen Leuten Mut zu. In den Visionen Ezechiels spricht Gott zu den Menschen: Ich will unter euch wohnen...
Diese Worte gelten auch uns heute.
Gott ist umgezogen. Jedenfalls "wohnt" er für die meisten Menschen kaum noch an traditionellen Orten. Die Gemeindegliederzahlen schrumpfen, der Sonntagsgottesdienst ist für viele alles andere als notwendig und eine selbstverständliche Kirchlichkeit gibt es hier schon lange nicht mehr.
Wo ist Gott zu finden? Wo wohnt er? Eechiel verheißt, dass Gott eben nicht festgelegt ist auf einen bestimmten Ort, dass er nicht abgeschottet im Himmel thront oder in Tempel oder Kirchen gesperrt ist.
Vermutlich begegnen wir ihm jeden Tag. Wir begegnen Gott - vielleicht im Bus, beim Einkaufen oder in der Stille...
Das hier unten ist nicht nur unsere Welt mit unseren Sorgen und Freuden. Gott ist nicht nur reserviert fürs Jenseits.
Der jüdische Theologe Martin Buber hat einmal gesagt: "Gott wohnt, wo man ihn einlässt."
Also öffnen wir die Türen.
Vielleicht ist es gut, in den Himmel zu schauen, um zu begreifen, dass Gott der ist, der alles zusammenhält. Mit dieser Perspektive muss man dann aber auch in die Welt schauen - in die Herzen der Menschen, auf die Sorgen der Welt, auf die Verletzlichkeit der Natur.
Wir leben hier nicht nur für uns. Wir leben in einer WG mit Gott. Also lasst uns aufräumen und renovieren, Brot und Wein teilen, uns streiten und versöhnen, gemütliche Orte schaffen und die Tür Weit öffnen für die Menschen.
Denn Gott lädt sie alle ein.

Ich wünsche Ihnen gute Begegnungen in der Wohngemeinschaft mit Gott.


Ihre Pastorin Anne Hala